Explosive Kinder?

Aus dem Vorwort des Autors

Oft werde ich von Eltern gefragt: «Woran kann ich erkennen, dass ich ein explosives Kind habe?» Dafür gibt es natürlich keinen Bluttest. Der Begriff «explosiv» steht metaphorisch für alle Kinder, die weitaus schneller und häufiger zu frus-trieren sind als «normale» Kinder und die weitaus extremer reagieren – mit Schreien, Fluchen, Spucken, Schlagen, Treten, Beißen, Ritzen und durch Sachen kaputt machen. Es sind Kinder, die sehr viel schneller aus der Fassung geraten und weitaus unangebrachter und unflexibler reagieren als der Durchschnitt. Auch wenn der Titel dieses Buches den Eindruck erweckt, es ginge hier nur um Kinder, die explodieren, so lässt sich die Methode dennoch auf jede Spielart auffälligen Verhaltens bei Kindern anwenden.

 

Natürlich wurden auffällige Kinder schon auf unterschiedlichste Weise beschrieben: als schwierig, eigensinnig, manipulativ, geltungsbedürftig, ihre Grenzen austestend, trotzig, unnachgiebig, motivationslos. Man mag ihnen unterschiedliche psychiatrische Diagnosen gestellt haben, wie etwa oppositionelle Verhaltensstörungen (ODD), manisch-depressive Erkrankungen,  Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHD), Wutsyndrom, Tourette-Syndrom, Depressionen, Bindungsstörung, nonverbale Lernstörung, Asperger-Syndrom oder Zwangsstörung. Auch wenn solche Diagnosen hilfreich sein können – insbesondere, um anderen dabei zu helfen, die Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes ernst zu nehmen –, so sind diese Diagnosen doch wenig hilfreich, wenn es darum geht, die Auffälligkeiten eines Kindes zu verstehen oder herauszufinden, wie dagegen vorzugehen ist.

Lange Zeit war es die gängige Meinung, dass Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern das Nebenprodukt einer allzu passiven, nachgiebigen, freizügigen und inkonsequenten Erziehung seien. Doch wir haben über auffällige Kinder in den letzten dreißig Jahren eine Menge dazugelernt, und Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Probleme von auffälligen Kindern wesentlich komplexer sind als ursprünglich vermutet. Wir müssen sichergehen, dass wir bei unseren Bemühungen, auffälligen Kindern zu helfen, alles Wissen miteinbeziehen, über das wir heute verfügen.

Beim Schreiben dieser und früherer Fassungen von Das explosive Kind war es mein Ziel, zu einem vorurteilsfreien Verständnis dieser Kinder beizutragen und auf Grundlage dieses Verständnisses eine praktische und umfassende Methode zu vermitteln, deren Ziel es ist, feind-selige Interaktionen zwischen auffälligen Kindern und ihren erwachsenen Bezugspersonen zu reduzieren sowie die Fähigkeiten explosiver Kinder zu angemessenem Verhalten, zu Frustrationstoleranz, Kommunikation, Problemlösung, Konfliktbewältigung und Selbstregulierung zu verbessern.

Wie immer ist auch hierfür die einzige Vorbedingung ein unvoreingenommenes Denken.

Dr. Ross W. Greene, Boston, Massachusetts




Edition Spuren - Rudolfstrasse 13 - CH-8400 Winterthur - Tel. +41 (0)52 212 33 61 - www.spuren.ch

222