Plan B

Plan B oder Kollaboratives Problemlösen (KPL)

Eine präzisere, einfühlsamere und produktivere Methode, um schwierige Kinder verstehen (und ihnen helfen) zu können

Das Kollaborative Problemlösen (KPL) ist ein Modell, mit dessen Hilfe Kindern mit sozialen, emotionalen und Verhaltensschwierigkeiten geholfen werden soll. Erstmals vorgestellt wird dieses Modell in dem Buch «Das explosive Kind»  von Dr. Ross Greene (Edition Spuren, Winterthur, 2011), das bereits 1998 in den USA erschien und dessen vierte Auflage nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Die KPL-Methode basiert auf zwei wichtigen Grundsätzen.

Erstens: Schwieriges Verhalten bei Kindern versteht man am besten, wenn man es eher als das Resultat mangelhaft ausgebildeter kognitiver Fähigkeiten betrachtet, meist in den Bereichen Flexibilität/Anpassungsfähigkeit, Frustrationstoleranz und Problemlösung. Schwieriges Verhalten gilt dann weniger als Resultat einer passiven, nachgiebigen, inkonsequenten, widersprüchlichen Erziehung.

Zweitens: Die beste Methode, um schwierige Verhaltensweisen zu reduzieren, besteht in einer Kollaborativen Lösung dieser Probleme, das heisst, indem man sie in Bewegung versetzt, anstatt Kindern den Willen von Erwachsenen aufzuzwingen oder mit Belohnungen und Bestrafungen zu agieren. Hier einige wichtige Fragen, die sich mit Hilfe des Modells beantworten lassen:

Frage: Warum sind schwierige Kinder eigentlich schwierig?

Antwort: Weil es ihnen an den Kompetenzen fehlt, die man braucht, um nicht schwierig zu sein. Denn hätten sie diese Kompetenzen, wären sie nicht schwierig. Das liegt daran, dass Kinder – und das ist vielleicht das Schlüsselmotiv dieses Modells – ihre Sache gut machen, wenn sie können. Außerdem, weil (hier hätten wir ein weiteres Schlüsselmotiv) seine Sache gut zu machen stets besser ist als sie nicht gut zu machen, sofern ein Kind überhaupt die notwendigen Fähigkeiten aufweist. Das bedeutet natürlich einen schmerzlichen Abschied von der Einstellung, schwierige Kinder als nach Aufmerksamkeit heischend, manipulativ,  zwingend, ihre Grenzen austestend und schlecht motiviert zu betrachten. Es ist eine völlig andere Sichtweise, die von neurowissenschaftlichen Ergebnissen der letzten 30 bis 40 Jahre gestützt wird, und dramatische Auswirkungen hat auf die Art und Weise, wie Erziehungsberechtigte solchen Kindern helfen können.

Frage: Wann sind schwierige Kinder eigentlich schwierig?

Antwort: Wenn die an sie gestellten Ansprüche und Anforderungen ihre Fähigkeit zu einer angemessenen Reaktion übersteigen. Klar, wenn uns es an den Fähigkeiten mangelt, gut auszusehen, sehen wir alle schlecht aus. Ein wichtiges Ziel für Helfer besteht deshalb darin, herauszufinden, an welchen Fähigkeiten es dem Kind mangelt. Ein noch wichtigeres Ziel ist es, die speziellen Voraussetzungen oder Situationen ausfindig zu machen, die bei einem bestimmten schwierigen Kind zu schwierigem Verhalten führen. Im KPL-Modell bezeichnet man diese Voraussetzungen als „ungelöste Probleme“, und sie erweisen sich in der Regel als äußerst vorhersagbar. Erreichen lässt sich diese Ausfindigmachung von mangelnden Fähigkeiten und ungelösten Problemen durch den Einsatz eines Werkzeugs, den man als „Assessment of Lagging Skills and Unsolves Problems“ (ALSUP), dt. etwa „Beurteilung mangelhaft ausgebildeter Kompetenzen und ungelöster Probleme“) bezeichnet. Eine genauere Darstellung des ALSUP finden Sie als Dokument auf dieser Facebook-Seite.

Frage: Welche Verhaltensformen legen schwierige Kinder an den Tag, wenn es ihnen an der Fähigkeit mangelt, auf Ansprüche angemessen zu reagieren?

Antwort: Schwierige Kinder zeigen uns durch ihr Verhalten, dass es ihnen schwer fällt, Ansprüche und Erwartungen auf „leidlich“ normale Weise zu erfüllen: Sie quengeln, schmollen, sind eingeschnappt, ziehen sich zurück, weinen, schreien, fluchen, schlagen, spucken, treten, werfen mit Gegenständen oder zerstören sie, lügen, stehlen, und so weiter. Doch was ein Kind tut, wenn es Ansprüche und Erwartungen nicht erfüllen kann, ist eigentlich gar nicht so wichtig,  auch wenn man das so empfinden mag ... viel wichtiger ist die Frage nach dem Warum.

Frage: Was können wir also tun, um solchen Kindern besser zu helfen als bisher?

Antwort: Wenn schwieriges Verhalten auf mangelnden Kompetenzen gründet anstatt auf mangelnder Motivation, ist es leicht zu verstehen, weshalb Belohnungen und Strafen nicht dazu beitragen können, das Verhalten eines Kindes zu verbessern. Da schwieriges Verhalten stets die Folge von äußerst vorhersagbaren ungelösten Problemen ist, sind schwierige Kinder – wie übrigens wir alle! - besser bedient, wenn Erwachsene ihnen beim Lösen dieser Probleme helfen. Wenn wir sie aber auf einseitige Weise lösen, indem Erwachsene versuchen, dem Kind ihren Willen aufzuzwingen (im KPL-Modell als Plan A bekannt), erhöhen wir nur die Wahrscheinlichkeit von schwierigen Vorfällen und können Probleme nicht auf dauerhafte Weise lösen. Besser ist es, solche Probleme auf kollaborative Weise zu lösen  (Plan B), bei denen das Kind ein gleichberechtigter Partner ist. Auf diese Weise werden die gefundenen Lösungen stabiler sein, und im Laufe der Zeit werden sowohl das Kind als auch die Erwachsenen die Fähigkeiten erlernen, an denen es ihnen mangelte. Plan B besteht aus drei grundlegenden Komponenten:

  1. Die Empathie-Stufe, bei der man Informationen über das Kind einholt, um zu einem bestmöglichen Verständnis seines Anliegen oder seiner Betrachtungsweise eines ungelösten Problems gelangt.
  2. Die Definiere-das-Problem-Stufe, bei der nun auch das Anliegen des Erwachsenen hinsichtlich des gleichen ungelösten Problems einbezogen wird.
  3. Die Einladungs-Stufe, bei der Erwachsener und Kind gemeinsam Lösungsvorschläge erarbeiten, um zu einem Handlungsplan zu gelangen, der sowohl realistisch als auch für beide Seiten zufriedenstellend ist. In anderen Worten: Eine Lösung, bei der die Anliegen beider Parteien berücksichtig werden, und die auch für beide Parteien wirklich durchführbar ist.

Frage: Wo wurde das KPL-Modell bereits angewendet?

Antwort: In unzähligen Familien, Schulen, bei stationären Patienten in der Psychiatrie, in Wohngruppen, Wohnheimen und Jugendgefängnissen hat das KPL-Modell sich als wirksame Methode erwiesen, Konflikte zu vermindern und Kindern die Kompetenzen zu vermitteln, die sie benötigen, um in der realen Welt auf angemessene Weise agieren zu können.

Frage: Wo kann ich mehr über Plan B und das KPL-Modell erfahren?

Antwort: Hier auf dieser Website und auf der Website www.livesinthebalance.org, die Unmengen von Material enthält, mit deren Hilfe Sie das KPL-Modell näher kennen  und anwenden lernen können. Dort finden Sie Videos, Audios, Kommentare, Tipps und eine Menge mehr.

 




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